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Kapitalismus braucht weitreichende Regulierung

6. Acatis-Value-Konferenz am 5. Juni 2009 in Frankfurt

06.06.2009

Frankfurt am Main, 6. Juni 2009 (mpr) - Im weltweiten Maßstab winzige Verluste von einer Billion US-Dollar auf dem amerikanischen Immobilienhypothekenmarkt haben zu gewaltigen Einbrüchen von über 25 Billionen beim internationalen Aktien-Anlagevermögen geführt. Was sind die Ursachen dieser katastrophalen Entwicklung? "Vor allem waren es die starken Kredithebel, das enorme Leveraging des vergangenen Jahrzehnts, das dann auch ab 2007 zu einem entsprechenden De-Leveraging geführt hat", resümierte Dr. Hendrik Leber, Geschäftsführer der ACATIS Investment GmbH, auf der diesjährigen sechsten Acatis-Value-Konferenz am Freitag, dem 5. Juni 2009 in Frankfurt am Main.

Leber glaubt nicht, das die Krise schon ausgestanden ist. "Im historischen Rückblick hat noch jede Krise zu Marktbewertungen geführt, die unter denen vor dem Entstehen der Blase lagen. Diesen Weg haben die USA erst zur Hälfte zurückgelegt." Dennoch ist Leber positiv gestimmt, was den Aufschwung in Europa angeht. "Wir plädieren deshalb dafür, jetzt wieder mit Vollgas zu investieren, aber mit Airbag - also die notwendigen Sicherungen zu beachten, auch auf Kosten der Performance." Gleichzeitig müssten sich Firmen wie Private auf ein Jahrzehnt des Sparens einstellen. Ebenso fordert Leber ein viel höhere Regulierung des Kapitalismus im allgemeinen und der Finanzmärkte im weiteren Sinne - "schließlich ist die Krise nicht im eigentlichen kontrollierten Bankenmarkt entstanden, sondern auf Gebieten, die sich bisher der Regulierung entzogen haben."

Todsünden Angst, Gier, Selbstüberschätzung

Dr. Conrad Mattern, Conquest Investment Advisory (Feldkirchen), geht die gegenwärtige Finanzmarktsituation ebenfalls mit Vorsicht und Misstrauen an. Er konnte in seinem Vortrag zeigen, wie man behavioristische Muster - Angst und Gier - in der Finanzwelt durch quantitative und qualitative Presse- und Zeitreihenanalysen erkennen kann, und welche Schlussfolgerungen Investoren daraus ziehen können. Die Anleger reagierten eben nicht rational, und vor Selbstüberschätzung seien auch die Anlageberater nicht gefeit, wie er selbstkritisch einräumen musste. "Mit Behavioral Finance kann man Fehler reduzieren, aber nicht völlig ausschließen."

Eric Le Coz beschrieb in seinem Vortrag die Methodik der Pariser Investmentfirma Carmignac Gestion. Mehr denn je sei in Krisenzeiten gleichzeitig eine präzise globale Analyse der weltwirtschaftlichen Lage und der Situation von Einzelunternehmen notwendig, um im Fondsmanagement erfolgreich sein und vorhandene Wachstumspotenziale identifizieren zu können. "Unsere Kunst besteht darin, die Segel einzuziehen, bevor der Sturm sie zerreißt, und neue Risiken einzugehen, wenn der Sturm sich gelegt hat." Carmignac Gestion ist mit ihren Fonds seit einigen Monaten wieder vollständig investiert.

Bestsellerautor Prof. Max Otte ("Der Crash kommt") ist Direktor des IFVE Instituts für Vermögensentwicklung GmbH und Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Finanzierung. Für ihn sind Krisen ein regelmäßiges Phänomen des Kapitalismus - aber jede Krise sei anders, deshalb sei eine Regulierung schwierig. Er sieht zwei mögliche Entwicklungslinien in den nächsten Jahren: Entweder eine "Zombiwirtschaft" mit untoten Banken und Unternehmen, Depression und Deflation oder eine verschärfte Inflation.

"Auch Staaten können pleite gehen - zum Beispiel Ungarn", erläuterte Balázs Szegner, Equilor, Budapest, und kam dabei zu dem bei Aristoteles entlehnten Resümee: "Der Geschmack der Lehre ist bitter, aber ihre Früchte sind süß." Die ungarischen Fehler - überstrapaziertes Staatsbudget, Wahlgeschenke an Rentner und Staatsdiener - seien schon vor der Finanzkrise gemacht worden, die Krise habe sie letztlich nur aufgedeckt.

Finanzmarktakteure: Vögel oder Dinosaurier?

Das "Leben mit Katastrophen" beleuchtete aus einem ganz anderen Blickwinkel PD Dr. Stefan Schneckenburger, Leiter des botanischen Gartens der Technischen Universität Darmstadt. "Jede Krise in der Natur hat auch ihre Gewinner, Krisenprofiteure an Stellen, die man vorher nicht erwartete." So präsentierte er zwei Sichtweisen auf das Aussterben der Dinosaurier: "Sieht man die Dinosaurier isoliert, dann sind in der Tat Hunderte von Arten ausgestorben. Aber betrachtet man die Vögel als ihre direkten Nachfahren, dann hat sich diese Großfamilie erfolgreich weiterentwickelt und zeigt heute eine viel größere Artenvielfalt als zum Ende der Kreidezeit." Die Vögel hätten erfolgreich einen neuen Lebensraum erobert, in den ihnen die Säugetiere als existenzbedrohende Wettbewerber der Dinosaurier kaum gefolgt seien. Finanzmarktteilnehmer, so Dr. Leber in seiner Einordnung des Vortrags, sollten sich somit die Frage stellen, ob sie sich zu den Dinosauriern oder den Vögeln zählen wollten. Die Natur sei in Modellen gefangen, Menschen könnten die Modelle austauschen.

Einen Einblick in die sich häufenden Umschuldungen und Rückkaufsprogramme im Anleihebereich gab Martin Wilhelm, IfK Institut für Kapitalmarkt. Er sieht im 2. Halbjahr 2009 Value und Chancen vor allem bei Unternehmensanleihen, rät aber von Staatsanleihen im Augenblick ab. Die Eigenkapitalkosten seien für Unternehmen gegenwärtig sehr hoch, damit aber auch die Renditemöglichkeiten für Investoren, die bereit seien, dieses Kapital über Corporate Bonds zur Verfügung zu stellen.

Robert Vinall, RV Capital GmbH (Kilchberg), ist überzeugt davon, dass sorgfältiges und verantwortungsvolles Value Investing weiterhin die optimale Methode darstellt, um erfolgreich durch die Finanzkrise zu navigieren. Er erinnerte an die grundlegende Einsicht von Charlie Munger, Partner von Warren Buffett: Value Investing bedeute, weniger für etwas zu bezahlen, als es wert ist. Wer in fünf Jahren zu den Gewinnern der Finanzkrise gehören wolle, müsse jetzt die Stimmungsschwankungen des Marktes ausnutzen und in Unternehmen investieren, von deren Marktsituation und Management er überzeugt sei. Ein Fondsmanager, der sich als Value-Investor verstehe, sei eben auch verpflichtet, sich das Management der Zielunternehmen genau anzuschauen. "Der Buchwert ist nicht ausschlaggebend für Value-Investoren. Es geht immer um reale Unternehmen mit echten Menschen und existierenden Kunden."

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